Grüne Berge, Schmusen vor der Ehe?

In unzähligen Berichten wird derzeit thematisiert, wie Herr und Frau Österreicher dazu stehen, dass immer mehr Menschen Zuflucht in der Alpenrepublik suchen. Wir sind den umgekehrten Weg gegangen und haben versucht herauszufinden, welchen Eindruck Innsbruck auf Asylsuchende macht. Was wir erfahren haben war teils tragisch, teils niedlich und teils sehr unkonventionell für „westliche“ Verhältnisse.

Wir haben Ahmad, 22, ins Innsbrucker Nachleben entführt. Auf dem Hinweg erklärt er uns, dass er habe in Syrien Jus studiert habe und seine Ausbildung gerne an der Uni hier fortsetzen würde. Er spricht gebrochenes Englisch und nur ein paar Sätze Deutsch, dafür aber Türkisch, kurdisch, armenisch und mehrere arabische Dialekte. Sein Pass ist in Traiskirchen, seine Whitecard ist sein einziger Ausweis und alle seine Zeugnisse wurden unter dem Bombenschutt seiner Heimatstadt Aleppo (Syrien) begraben. Er erzählt weiter, dass die Narben in seinem Gesicht und an seinen Armen von den Splittern einer Handgranate stammen, dass er hinkt weil sein Knie vom langen Fußmarsch hierher schmerzt und dass sein Cousin beim Joggen von einem Heckenschützen erschossen wurde. Während er spricht starrt ihn eine ältere Dame im Bus an, als wäre er mindestens ein feindlicher Außerirdischer. Uns sieht sie an, als habe sie Mitleid, weil uns der Tschusch bestimmt gleich verprügeln und vergewaltigen werde, bevor er sich mit unseren Wertsachen aus dem Staub macht. Ahmad meint nachdem wir ausgestiegen sind: „They lookin at me so strange. I’m scared to talk to them, maybe they laugh at me, cause i don’t speak german.“ Wir sagen ihm nicht, dass ausgelacht zu werden wohl das geringste Problem wäre. Stattdessen laden wir ihn auf ein Konzert ein. Er hat sichtlich Spaß, findet die Musiker gut und pfeift als Beifall  ohrenbetäubend laut durch die Finger. Nach dem Konzert bedankt er sich überschwänglich, sagt, er wolle unbedingt in Innsbruck bleiben, denn er liebe die Stadt. Doch er habe eine Frage – wieso sich hier alle in der Öffentlich küssen würden und ob man bei uns dafür nicht heiraten müsse. Wir erklären ihm schmunzelnd „This is a country of free love.“

Die fünfjährige Sham (aus Damaskus, Syrien) hat ein Bild für uns gezeichnet. Das zentrale Motiv ihres Werkes bildet eine Reihe grün ausgemalter Zacken, davor eine undefinierbare Figur inmitten von überdimensionalen Blumen. Sham erklärt uns (vorwiegend pantomimisch), sie habe die Nordkette und sich selbst abbilden wollen. Wir erinnern uns zurück an unsere Kindheit – und stoßen auf einige Parallelen zu unserem eigenen künstlerischen Schaffen. Eines kommt uns aber seltsam vor – unsere Berge damals, die waren nicht grün sondern grau. Als uns dann auch noch die sechsjährige Shandy (ebenfalls aus Syrien) ihr Bild mit genauso grasbewachsenen Gipfeln zeigt, wollen wir diesem Phänomen auf den Grund gehen. Die Antwort ist simpel: die Bilder waren im September entstanden, die Kinder waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht lange genug in Österreich gewesen, um kahle oder schneebedeckte Berge erlebt zu haben. Was sich aber in allen  Zeichnungen durchaus erkennen lässt ist, dass sie sich wohlfühlen Innsbruck. Warum eigentlich nicht, unsere eigene Kindheit hier war ja auch ganz passabel.

Der generelle Eindruck, den Innsbruck auf alle geflüchteten Menschen, mit denen wir gesprochen haben * macht, wirkt durchaus positiv – für viele stellt das, was dem altansässigen Durchschnitts-Tiroler selbstverständlich erscheint, das Ziel ihrer Träume dar – der sichere Hafen im kalten Nordwesten. Einzig der Empfang könnte wohl etwas warmherziger sein.

*es waren weit mehr, als die hier vorgestellten


Text & Photo: Verena Sparer